Wenn das Wasser von unten kommt

Seit dem Bau des Sylvensteinspeichers in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist die Hochwassergefahr entlang der Isar weitgehend gebannt (anders als an der Würm). Allerdings gibt es in einigen Münchner Stadtteilen Probleme mit dem Grundwasser, das stellenweise direkt unterhalb des Geländes ansteht. Das kann große Schäden an den betroffenen Gebäuden verursachen.

Grundwasseraustritt im Gelände (Quelle: Wikimedia)

Der Pegel des Grundwassers hängt von der Menge der Niederschläge ab und kann im Verlauf von einigen Monaten stark schwanken. Lokal wird der Grundwasserpegel auch durch die Bebauung oder Eingriffe wie Drainagekanäle o.ä. beeinflusst.

Zwei Vorlagen für den Ausschuss für Klima und Umwelt am vergangenen Dienstag betreffen die allgemeine Grundwasserproblematik in München und einen Streitfall zu diesem Thema zwischen der Stadtverwaltung und Anwohnern in Schwabing-Freimann.

Auf dem Geoportal der Stadt München findet man eine Übersichtskarte zum mittleren Grundwasserflurabstand, d.h. bei welcher Tiefe man in München auf Grundwasser stößt.

Mittlere Grundwasserflurabstände in München (Quelle: Geoportal)

Grundsätzlich nimmt der Grundwasserflurabstand von Süden nach Norden ab, da die Oberfläche der Münchner Schotterebene stärker geneigt ist als die darunterliegende Grundwasserschicht. Problematisch wird es dort, wo das Grundwasser im Mittel nur wenige Meter tief liegt. Weil das Oberflächenwasser schnell durch den Schotterboden sickert, kann sich das Grundwasserniveau innerhalb weniger Monate um mehr als eineinhalb Meter verändern. Hier zwei Beispiele:

Schwankungen des Grundwasserstandes (angegeben in abs. Höhe) in Moosach und Johanneskirchen seit 1990 (Quelle: Vorlage des Referats für Klima und Umwelt)

Zwar ist der Grundwasserstand in den letzten 30 Jahren im Mittel gesunken (vgl. die roten Geraden). Die Schwankungen sind jedoch enorm. Insbesondere der viele Schnee im Dezember 2023 und das feuchte Frühjahr 2024 haben zu einem rasanten Anstieg geführt. Wer in den gefährdeten Stadtbezirken wohnt und wissen möchte, wie der aktuelle Grundwasserstand in der eigenen Nachbarschaft ist, findet hier eine Karte mit Positionen aller Messpegel des Münchner Grundwassers und hier die 14-täglich gemessenen Werte.

Gibt es Möglichkeiten, den Grundwasserspiegel zu beeinflussen? Ja und Nein. Ja, weil lokal durch Abpumpen das Niveau verändert werden kann. Allerdings braucht man dazu eine wasserrechtliche Genehmigung, die nur in Ausnahmefällen vom Wasserwirtschaftsamt München erteilt wird. Nein, weil grundsätzlich das Grundwasser nicht beeinträchtigt werden sollte. In der Vorlage heißt es dazu:

Zusammenfassend zielen die […] gesetzlichen Vorgaben auf den Schutz des Grundwassers und nicht auf den Schutz vor Grundwasser ab.

Schäden durch hohe Grundwasserstände sind als „höhere Gewalt“ zu betrachten bzw. müssen von Eigentümern und Architekten verhindert werden, indem die Gebäude entsprechend abgedichtet werden. Die Stadtverwaltung stellt für die Planung eine weitere Hilfestellung bereit: Im Geoportal findet man auch Grundwasserdaten von 1940, die den amtlichen Höchstgrundwasserstand anzeigen und seitdem nicht mehr übertroffen worden sind.

Exemplarisch werden die Münchner Grundwasserprobleme deutlich anhand eines laufenden Streitfalls: In der Genter Straße in Schwabing-Freimann sind an mehreren Gebäuden seit 2020 durch hohe Grundwasserstände Schäden entstanden. Die Anwohner vermuten, dass der Grundwasserstand bei ihnen erhöht sei, weil die Stadt in der Nähe einen fehlerhaften Regenwasserkanal gebaut habe, der das Grundwasser beim Ablauf behindere. Das Wasserwirtschaftsamt hingegen vertritt die Auffassung, dass die Bauausführung der Gebäude auch den bereits bei ihrem Bau im Jahre 1959 bestehenden Normen nicht entspreche, da die betroffene Tiefgarage und der Keller nicht gegen Grundwasser abgedichtet seien.

Im Rahmen eines Vergleichsverfahrens wurde in den letzten Jahren versucht, eine einvernehmliche Lösung für das Problem zu finden. Das hatte aber keinen Erfolg und zeigt, wie schwierig es ist, mit solchen Grundwasserproblemen umzugehen. In der Vorlage wird dazu ausgeführt:

„Im Bereich der Genter Straße liegt der HW1940-Grundwasserstand somit teilweise bereits < 1 m unterhalb der GOK (Geländeoberkante). Auch für einige Bereiche in der Schwedenstraße, Osterwaldstraße, Imhofstraße und Beltweg kann bei einem Hochwasserstand, wie dem HW1940, das Grundwasser bis auf < 1 m unter GOK ansteigen. [….] Der aus den aktuellen Messwerten berechnete Aufstau zwischen den Messstellen im An- und Abstrom des Kanals betrug in den letzten Monaten ca. 5-11 cm. […] Der voraussichtlich geringe Effekt (Absenkung um wenige Zentimeter) rechtfertigt bei den erwartbaren Kosten und vor allem aufgrund der erkannten Risiken […] sowie den Eingriffen in Privateigentum, Bewuchs, Untergrund und Grundwasserregime keine Baumaßnahmen durch die LHM (Landeshauptstadt München).

Mangels Einigung zwischen den Parteien müssen jetzt die Gerichte entscheiden, ob die Stadt dazu verpflichtet wird, über die bereits erteilte Ausnahmegenehmigung zum lokalen Abpumpen des Grundwassers hinaus weitere Schritte zu unternehmen.

Der Ausschuss am vergangenen Dienstag fand die beiden Vorlagen des Referats für Klima und Umwelt offensichtlich sehr überzeugend. Auch die CSU-Fraktion, die im Juli 2024 noch einen Antrag gestellt hat, den Anwohnern durch zusätzliche Maßnahmen zu helfen, hatte keine weiteren Fragen, ebenso wie die Mitglieder der andere Fraktionen .

Lernen kann man aus diesem Vorgang jedenfalls, dass man sich vor einer Investition in eine Immobilie in vom Grundwasser bedrohten Münchner Stadtteilen gründlich informieren sollte. Nur wenn das jeweilige Gebäude ausreichend vor Wassereintritt von unten geschützt ist, wird es nicht zu Schäden kommen, da die Grundwasserpegel auch in Zukunft stark schwanken werden.

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