Omikron und die Münchner Kommunalpolitik

Wer diese Seiten öfter besucht, wird bemerkt haben, dass seit Ende November keine neuen Beiträge erschienen sind. Warum? Weil die öffentliche Kommunalpolitik in München eines der ersten Opfer der Omikronwelle geworden ist. Nach mehreren roten Warnhinweisen der Corona-App auf den Mobiltelefonen von Mitgliedern des Stadtrates wurden öffentliche Ausschusssitzungen Ende November von einem Tag auf den anderen durch Online-Beratungen ersetzt. Die Öffentlichkeit bleibt damit außen vor, denn die Zugangsdaten werden nicht bekanntgemacht. Lediglich Vollversammlungen wurden einmal im Monat auf muenchen.de gestreamt. Der interessante Teil der kommunalpolitischen Willensbildung, nämlich der intensive Austausch von Argumenten, bleibt allerdings auch hier auf der Strecke. Wenn wie am 2. Februar in einer Sitzung mehr als 50 Themen beraten und abgestimmt werden müssen, ist eine tiefergehende Debatte kaum möglich.

Das ist schade und wirft die Frage auf, ob der weitgehende Verzicht auf öffentliche Ausschusssitzungen durch die von Omikron ausgehende Infektionsgefahr tatsächlich gerechtfertigt war und immer noch ist. Damit ist man mitten drin in der Problematik, wie die aktuelle Situation einzuschätzen ist. Ist die höhere Infektiosität von Omikron der entscheidende Gesichtspunkt (die gefürchtete „Omikronwand“)? Oder ist diese Variante so harmlos, dass es auf die hohen Infektionszahlen nicht mehr ankommt? Dazu ist in den vergangenen Wochen viel geschrieben und noch viel mehr in unzähligen Talkshows gesagt worden, ohne dass für mich belastbare Erkenntnisse herausgekommen wäre.

Wer versucht, sich anhand von seriösen Informationsquellen wie dem Coronaportal der Stadt München, den Internetseiten des bayrischen Gesundheitsministeriums oder auch den Berichten des Robert-Koch-Instituts ein eigenes Bild zu machen, stellt schnell fest, dass die Datenlage auch nach zwei Jahren Pandemie weiterhin mehr als unsicher ist:

Die Inzidenz ist bei den hohen Zahlen noch unzuverlässiger geworden als bislang, da immer mehr Fälle nicht erfasst werden. Gleichzeitig hat sich das Verhältnis von Infektionen zu schweren Erkrankungen geändert, nur wie?

Die Hospitalisierungsrate war und ist eine ungenaue Größe, da viele Krankenhäuser neue Aufnahmen schwer Erkrankter erst mit wochenlanger Verspätung melden. Darüber hinaus unterscheidet dieser Parameter nicht zwischen Patienten, die wegen einer Omikroninfektion eingeliefert werden und anderen Fällen, bei denen die Infektion nur zufälligerweise durch einen Test bei der Einlieferung festgestellt wird. Laut Prof. Drosten war in der Omikronwelle in England bei etwa der Hälfte der erfassten Krankenhausaufnahmen Omikron nicht der Grund, warum der Patient ins Krankenhaus gekommen ist.

Wie hoch inzwischen die gesamte Immunisierung durch Impfungen und Infektionen in der Bevölkerung Münchens, Bayerns oder bundesweit ist, weiß man nicht. Zum einen sind schon die Daten zur Impfrate unsicher, da nicht alle Impfungen gemeldet werden, zum anderen gibt es – erstaunlicherweise – keine repräsentativen Seroprevalenzstudien zum Vorliegen von Antikörpern in der Bevölkerung aufgrund von Impfung oder durchgemachter Infektion. Aussagen über den Anteil ungeschützter Personen über 60 Jahre, die besonders gefährdet sind, beruhen ausschließlich auf Schätzungen.

Das macht die öffentliche Diskussion sehr unbefriedigend und man fragt sich, warum das so ist. Vielleicht braucht es nicht nur den von der neuen Regierung einberufenen Expertenrat, sondern auch eine ganz neue Behörde, die sich in Zukunft mit Pandemien befasst. Das Robert-Koch-Institut könnte sich dann auf die Bekämpfung von Tierseuchen konzentrieren, ein Gebiet, auf dem sein derzeitiger Leiter besondere Expertise hat.

Glücklicherweise gibt es andere Länder, in denen die Datenlage deutlich besser ist als in Deutschland. Das gilt nicht nur für England, von wo – folgt man Prof. Drosten – fast alle maßgeblichen Erkenntnisse zur Pandemie in den letzten 24 Monaten stammen, sondern auch für Italien, wo die Pandemie in Europa begonnen hat. Beispielsweise stellt die Zeitung „Il Sole 24 ore“ jeden Tag hier die offiziellen Daten aus Italien zusammen. Besonders relevant für die Bewertung von Omikron finde ich die folgenden zwei Schaubilder:

Die erste Grafik zeigt über die letzten zwei Jahre den prozentualen Anteil der Infizierten, die im Krankenhaus behandelt werden mussten:

Prozentualer Anteil der Infizierten in Italien, die im Krankenhaus
behandelt werden müssen
(Quelle: Il Sole 24 Ore Lab 24 mit eigenen Ergänzungen)

Man erkennt deutlich die verschiedenen Phasen der Pandemie: Am Anfang die katastrophale Situation Italiens im Winter 2020, als teilweise über die Hälfte der Infizierten stationär behandelt werden mussten. Ab der zweiten Jahreshälfte 2020 stabilisierte sich der Anteil der Krankenhausaufnahmen auf etwa 5%. Die Impfung ab dem Jahresbeginn 2021 hat die Gesamtzahl der Infizierten ganz erheblich verringert. Das ist im Schaubild oben nicht zu sehen. Zu erkennen ist aber, dass diejenigen, die sich in Italien in der zweiten Jahreshälfte 2021 noch mit Delta infiziert haben, nur noch zu einem etwas geringeren Anteil – etwa 3,5% – ins Krankenhaus mussten. Mit Jahresbeginn 2022, als Omikron auch in Italien die beherrschende Variante geworden ist, ist der Anteil derer, die ein Krankenhaus aufsuchen, drastisch gefallen und liegt jetzt bei ungefähr 0,7%.

Einen ganz ähnlichen Verlauf sieht man für die Aufnahmen in die Intensivstationen:

Prozentualer Anteil der Infizierten in Italien, die auf Intensivstationen
behandelt werden müssen
(Quelle: Il Sole 24 Ore Lab 24 mit eigenen Ergänzungen)

Hier geht der Anteil derjenigen, die auf einer Intensivstation behandelt werden müssen, mit Omikron von etwa 0,5% auf 0,06% zurück.

Im Ergebnis folgt aus dieser Abschätzung, dass Omikron in Italien mindestens um einen Faktor 8 weniger gefährlich ist als die vorhergehenden Varianten. Mindestens, weil auch in den italienischen Daten keine Unterscheidung erkennbar ist, ob jemand wegen oder nur zufälligerweise mit Omikron ins Krankenhaus bzw. auf die Intensivstation kommt. Würden nur noch Fälle erfasst, bei denen Omikron tatsächlich die Ursache der Einlieferung ins Krankenhaus bzw. auf die Intensivstation ist, wären die oben gezeigten Anteile seit Beginn des Jahres 2022 noch geringer und der genannte Faktor noch größer als 8.

Nun könnte man einwenden, die obigen Überlegungen seien nicht auf Deutschland übertragbar, da die Impfquote in Deutschland, insbesondere bei den über 60-Jährigen, deutlich niedriger ist als in Italien. Das ist zwar richtig, spielt aber für die obige Abschätzung der Risikoveränderung durch Omikron keine Rolle. Denn seit Mitte 2021 werden sowohl die Krankenhauseinweisungen als auch die Aufnahmen auf Intensivstationen in Italien zu etwa 90% durch Ungeimpfte bestimmt, die es eben auch in Italien noch gibt. Auch das kann man den offiziellen italienischen Daten entnehmen.

Mit anderen Worten bilden die oben gezeigten Daten aus Italien ab Mitte 2021 im Wesentlichen die Veränderung des Risikos eines schweren Verlaufs für Ungeimpfte ab. Diese Risikoveränderung (um mindestens den Faktor 8) gilt damit aber auch für Ungeimpfte in Deutschland.

Was folgt nun aus alledem? Keinesfalls, dass man sich nicht impfen lassen sollte, denn selbst wenn das Risiko einer schweren Erkrankung um den Faktor 8 geringer ist, ist es für Ungeimpfte immer noch viel zu hoch, um Omikron zu ignorieren, insbesondere wenn man älter als 60 Jahre alt ist.

Aber eine Überlastung des Münchner Gesundheitssystems ist mit Omikron nicht zu erwarten, solange die Anzahl der Infizierten nicht in etwa 8-fach höher ist als in der vergangenen Deltawelle. Denn erst dann würde die höhere Zahl an Infizierten das geringere Risiko schwerer Fälle kompensieren. Davon sind wir aber weit entfernt. Damals lag die Inzidenz bei etwa 750. Eine achtfach höhere Omikroninzidenz von 6000 ist deutlich höher als die bislang erfassten Münchner Spitzenwerte von unter 2500. Und seit einer Woche fallen die Zahlen wieder auf aktuell knapp über 1600.

Im Hinblick auf das individuelle Risiko einer Omikron-Erkrankung einer dreifach geimpften Stadträtin oder eines Stadtrates möchte ich auf folgende Ausführungen von Prof. Drosten verweisen:

Das muss ich vielleicht auch noch mal sagen, auch wenn ich seit langen Monaten immer wieder sage, die ideale Immunisierung ist, dass man eine vollständige Impfimmunisierung hat mit drei Dosen und auf dem Boden dieser Immunisierung sich dann erstmalig und auch zweit- und drittmalig infiziert mit dem wirklichen Virus und dadurch eine Schleimhautimmunität entwickelt, ohne dabei schwere Verläufe in Kauf nehmen zu müssen. Und wer das durchgemacht hat, der ist dann irgendwann wirklich über Jahre belastbar immun und wird sich nicht wieder reinfizieren.

(Quelle: Coronavirusupdate Folge 109 vom 1. Februar 2022, Hervorhebung hinzugefügt)

Vor diesem Hintergrund halte ich es für angemessen und richtig, wenn der Münchner Stadtrat umgehend wieder seine normalen Beratungen aufnimmt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.