Eine schnelle Entscheidung und viele offene Fragen

Die Innenstadt wirkt zur Zeit wie eine einzige Baugrube. Überall sind Straßenzüge aufgerissen. Alle paar Meter stößt man auf neue Hoch- oder Tiefbaustellen, die in der Sommerhitze jede Menge Staub von sich geben. Selbst mit dem Fahrrad ist es schwierig geworden, schnell durch die Stadt zu kommen. Autofahrer müssen besonders viel Geduld mitbringen, wenn sie Ziele innerhalb des Mittleren Rings ansteuern. Das liegt nicht nur an der zweiten Stammstrecke der S-Bahn, sondern auch an einer verstärkten Bautätigkeit in vielen zentralen Lagen der Stadt. Trotz der hohen Grundstückspreise ist München für Investoren immer noch attraktiv. Und schließlich ist da die große Baustelle rund um den neuen Hauptbahnhof.

Ertragen lässt sich das vielleicht etwas besser mit ein wenig Vorfreude auf das neue Bahnhofsgebäude. Eine Vorstellung davon geben die inzwischen allgemein bekannten Computerbilder des, wie ich finde, gelungenen Entwurfs mit viel Glas und Licht:

(Quelle: Anlagen zu einer Stadtratsvorlage aus 2015)

Allerdings gab es bis zur gemeinsamen Sitzung des Mobilitäts- und des Stadtplanungsausschusses am vergangenen Mittwoch noch keine Entscheidung darüber, ob der Bahnhofsvorplatz in der Tat so aussehen wird wie auf dem „Wimmelbild“ oben. Denn bislang verlaufen hier in Nord- und Südrichtung zwei stark befahrene Fahrspuren des Autoverkehrs. Dadurch ist ein barrierefreier Übergang vom Bahnhof Richtung Stachus unmöglich.

Vielleicht ist es die Kraft der Bilder, vielleicht aber auch der Zeitgeist, jedenfalls hat die CSU ihren bisherigen Widerstand gegen eine autofreie Gestaltung des Bahnhofvorplatzes gleich am Anfang der Sitzung explizit aufgegeben. Eine längere streitige Debatte war nicht erforderlich und der Ausschuss hat einstimmig die

Schließung des Bahnhofplatzes für den motorisierten Individualverkehr im Zuge der künftigen Umgestaltung des Bahnhofplatzes….“

beschlossen. Allerdings bleiben auch danach noch viele Fragen offen.

Da ist zum einen die Verkehrsverlagerung. In einer Anlage zur Vorlage des Stadtplanungsreferats sind Simulationsrechnungen gezeigt, wie sich der Autoverkehr verändern wird, wenn der Bahnhofsplatz nicht mehr als Nord-Süd-Verbindung zur Verfügung steht.

Simulationsrechnung der Verkehrsverlagerung durch die beschlossene Sperrung des Bahnhofplatzes. Grün zeigt eine Abnahme der Kfz/Tag, Rot eine Zunahme. (Quelle: Planfall 1 in der Anlage zur Vorlage des Stadtplanungseferats mit eigener Hinzufügung der Straßennahmen)

Der Autoverkehr wird sich demnach im Wesentlichen auf die Sonnenstraße, die Paul-Heyse-Unterführung und die Hackerbrücke verlagern. Am stärksten ist die Zunahme in der Sonnenstraße mit bis zu 6500 zusätzlichen Fahrzeugen pro Tag. Zum Vergleich: gegenwärtig benutzen täglich etwa 40.000 Kfz diese Straße.

Die CSU-Fraktion hat im Lichte dieser Zahlen eine Art „Bestandsgarantie“ für die Leistungsfähigkeit aller in Nord-Südrichtung verbleibenden Kfz-Verbindungen beantragt. Dem wollte die Stadtratsmehrheit nicht zustimmen und hat dies im verabschiedeten Beschluss auf die Paul-Heyse-Unterführung und die Sonnenstraße eingeschränkt.

Ob diese Garantie wirklich Bestand hat, erscheint mir bezüglich der Sonnenstraße durchaus zweifelhaft. Denn fast alle Fußgänger, die vom neuen Hauptbahnhof kommend über die Schützenstraße zum Stachus und in die Altstadt strömen, werden heute zur Querung der Sonnenstraße in den Untergrund gezwungen – auf engen Rolltreppen, die schnell überlastet sind und den gewachsenen Abstandsbedürfnissen mit und nach Corona kaum noch gerecht werden. Hier wird man langfristig nach anderen Lösungen suchen müssen, die möglicherweise auch eine Neuaufteilung der oberirdischen Verkehrsflächen mit sich bringen.

Weitere Fragen betreffen die konkrete Ausgestaltung des neuen Bahnhofvorplatzes. Für Radler soll der Bahnhofsplatz offen bleiben. Das wird ohne intelligente Lösungen zu erheblichen Problemen führen und die angestrebte Aufenthaltsqualität auf dem Platz beeinträchtigen. Denn sowohl Radfahrer als auch Fußgänger neigen nicht dazu, sich zu 100% an Ampelschaltungen und andere Verkehrsregeln zu halten.

Eine Lösung könnte sein, für den Radverkehr eine Art Unterführung unter der Oberfläche des Platzes vorzusehen – vielleicht mit einem begehbaren Glasdach -, die zumindest im Bereich der Schützenstraße und des Bahnhofeingangs Fußgänger und Radler baulich voneinander trennt. Ob das mit dem bestehenden Sperrengeschoss unter dem Bahnhofsplatz realisierbar ist, wäre zu prüfen.

Der Ausschuss hat diese Frage nicht diskutiert. Angesprochen wurde jedoch die Anzahl der Gleise für die Tram. Auch hier gibt es widerstreitende Interessen. Einerseits soll der Bahnhofsvorplatz einen bequemen Umstieg vom Fernverkehr zum Nahverkehr und damit auch zu den Straßenbahnen ermöglichen. Andererseits behindert eine hohe Zahl von Trambahnlinien, die im dichtem Takt den Platz befahren, den Weg der Fußgänger von und zum Stadtzentrum. Wer diesen Effekt sehen will, muss nur einmal den Barfüßerplatz im Zentrum Basels besuchen, wo im Abstand weniger Sekunden die Straßenbahnen durchrollen. Eine hohe Aufenthaltsqualität und ein entspanntes Flanieren ist damit kaum vereinbar.

Die Detailplanung des neuen Bahnhofplatzes wird jetzt zum Gegenstand eines städtebaulichen Wettbewerbs, den die Verwaltung ausschreibt. Das scheint mir eine gute Vorgehensweise, denn es braucht ein Maximum an Kreativität und Fachkenntnis, um für die oben angesprochenen Probleme (und viele weitere) überzeugende Lösungen zu finden. Zeit zum genauen Durchdenken aller Vorschläge steht hinreichend zur Verfügung, denn die Fertigstellung des neuen Bahnhofsgebäudes wird leider noch einige Jahre auf sich warten lassen.

Und solange bleibt nur die Vorfreude.

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