{"id":3086,"date":"2022-12-07T12:38:32","date_gmt":"2022-12-07T12:38:32","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtratsberichte.de\/?p=3086"},"modified":"2022-12-07T12:48:21","modified_gmt":"2022-12-07T12:48:21","slug":"armut-in-muenchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stadtratsberichte.de\/?p=3086","title":{"rendered":"Armut in M\u00fcnchen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist eine Binsenweisheit, dass M\u00fcnchen eine reiche Stadt ist, vielleicht die reichste Stadt Deutschlands. Ebenso offensichtlich ist jedoch die Tatsache, dass es auch in M\u00fcnchen viel Armut gibt. Aber wie liegen die Dinge genau? Und wie haben sie sich in den letzten Jahren ver\u00e4ndert? Seit 1987 gibt die Stadtverwaltung alle f\u00fcnf Jahre einen Armutsbericht heraus, &#8222;<em>eine faktengest\u00fctzte Grundlage&#8220; <\/em>wie es die 3. B\u00fcrgermeisterin Verena Dietl in der Einf\u00fchrung zum aktuellen Bericht ausdr\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die nachfolgenden Zeilen reichen nicht aus, die \u00fcber 300 Seiten des <a href=\"https:\/\/risi.muenchen.de\/risi\/dokument\/v\/7440400\">Armutsberichts 2022<\/a> zusammenzufassen und zu kommentieren. Daher sollen nur einige Aspekte erl\u00e4utert werden, die mir bei der Durchsicht und in der Diskussion im Sozialausschuss am vergangenen Dienstag besonders aufgefallen sind.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Voraussetzung jeder Armutsanalyse ist eine Definition, wann Armut vorliegt. Der Bericht der Stadtverwaltung verwendet zum einen das Konzept der &#8222;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Relative_Armut\">relativen Armut<\/a>&#8220; : Relativ arm oder &#8222;armutsgef\u00e4hrdet&#8220; ist danach, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens in M\u00fcnchen (knapp 2700 Euro) zur Verf\u00fcgung hat.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/2022-12-05-4-1024x505.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-3094\" width=\"512\" height=\"253\" srcset=\"https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/2022-12-05-4-1024x505.png 1024w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/2022-12-05-4-300x148.png 300w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/2022-12-05-4-768x378.png 768w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/2022-12-05-4.png 1043w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Beispiele f\u00fcr aktuelle Einkommensgrenzen, <br>unterhalb derer Armutsgef\u00e4hrdung vorliegt:<br>Quelle: <a href=\"https:\/\/risi.muenchen.de\/risi\/dokument\/v\/7440400\">Armutsbericht 2022<\/a>, S. 19<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf der Grundlage von Daten aus eigenen Befragungen des Sozialreferats und dem j\u00e4hrlich durchgef\u00fchrten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mikrozensus\">Mikrozensus<\/a> <strong>sind aktuell<\/strong> <strong>17,0% der M\u00fcnchnerinnen und M\u00fcnchner, d.h. ungef\u00e4hr 265.000 Personen, armutsgef\u00e4hrdet.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Armutsdefinition st\u00f6\u00dft immer wieder auf Widerspruch, denn der Zuzug einer Person mit sehr hohem Einkommen f\u00fchrt rechnerisch zu dem paradoxen Ergebnis, dass die Anzahl der armen Personen in M\u00fcnchen steigt. Sie hat aus meiner Sicht aber durchaus ihre Berechtigung, denn Personen mit einem Einkommen unterhalb der oben angegebenen Schwellenwerte sind in aller Regel von der Lebensweise ausgeschlossen, die in M\u00fcnchen den allgemeinen Standard darstellt. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Problem dieser Armutsdefinition liegt eher darin, dass sie nur auf das Einkommen abstellt. Ber\u00fccksichtigt werden weder individuelle Lebenssituationen noch Verm\u00f6gen. So f\u00e4llt beispielsweise ein Student aus wohlhabender Familie mit eigenem Auto und monatlichen \u00dcberweisungen der Eltern von 1500 Euro (mehr als das eineinhalbfache des Baf\u00f6g-H\u00f6chstsatz) unter diese Definition. H\u00f6chstwahrscheinlich werden weder er noch seine Kommilitonen seinen Zustand als &#8222;arm&#8220; betrachten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine andere Armutsdefinition, die der aktuelle Bericht verwendet, ist die sogenannte &#8222;bek\u00e4mpfte Armut&#8220;. Darunter fallen alle M\u00fcnchnerinnen und M\u00fcnchner, die staatliche Transferleistungen zur Deckung ihres Existenzminimums erhalten. <strong>In M\u00fcnchen sind das 6,9% der Bev\u00f6lkerung, d.h. etwa 107.000 Personen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch diese Definition hat ihre Schw\u00e4chen, denn der Armutsbericht 2022 zeigt deutlich, dass es eine erhebliche Anzahl von Personen gibt, die eigentlich Anspruch auf diese Transferzahlungen haben, sie aber &#8211; aus welchem Grund auch immer &#8211; nicht einfordern (dazu unten mehr). W\u00e4hrend also die Zahlen zur relativen Armut die tats\u00e4chliche Armut m\u00f6glicherweise \u00fcbersch\u00e4tzen, wird sie durch Zahlen zur bek\u00e4mpften Armut untersch\u00e4tzt. Die &#8222;Wahrheit&#8220; liegt, wenn man so will, irgendwo dazwischen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ebenso interessant wie die absoluten Werte ist die zeitliche Entwicklung der Armut in M\u00fcnchen seit dem letzten Armutsbericht, d.h. im Zeitraum von Ende 2016 bis Ende 2021. Und da zeigt sich &#8211; trotz Coronakrise &#8211; erfreulicherweise <strong>eine leichte Abnahme der Armut in M\u00fcnchen<\/strong>, unabh\u00e4ngig davon welche Definition man verwendet. So ist die Quote der Armutsgef\u00e4hrdung von 17,4% auf 17,0% gesunken. Bei der bek\u00e4mpften Armut ergibt sich ein R\u00fcckgang von 7,5% auf 6,9%.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Warum ist das so? Eine einfache Antwort dazu findet man im Armutsbericht 2022 nicht. Allerdings liefert die genaue Betrachtung der nachfolgende Tabelle Hinweise, wie sich Armut in M\u00fcnchen in den letzten Jahren ver\u00e4ndert hat:<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/2022-12-06-2.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-3101\" width=\"508\" height=\"332\" srcset=\"https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/2022-12-06-2.png 1015w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/2022-12-06-2-300x196.png 300w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/2022-12-06-2-768x502.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 508px) 100vw, 508px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Entwicklung der bek\u00e4mpften Armut in M\u00fcnchen Quelle: <br><a href=\"https:\/\/risi.muenchen.de\/risi\/dokument\/v\/7440400\">Armutsbericht 2022<\/a>, S. 30 , Hervorhebung hinzugef\u00fcgt<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Positiv ist die Entwicklung insbesondere beim Arbeitslosengeld II (&#8222;Hartz IV&#8220;), wo die Anzahl der auf Unterst\u00fctzung angewiesenen Personen um mehr als 5000 zur\u00fcckgegangen ist. Gleichzeitig ist allerdings die Altersarmut (&#8222;Grundsicherung im Alter&#8220; , rote Markierung) erheblich angestiegen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich vermute, dass beides letztlich den demographischen Wandel widerspiegelt. Dem Arbeitsmarkt stehen heute auf allen Qualifikationsstufen weniger Personen zur Verf\u00fcgung, was es der Arbeitsagentur erleichtert, Arbeitslose in neue Jobs zu vermitteln. Gleichzeitig gehen immer mehr Personen in Rente, die im Laufe ihres Berufslebens so wenig verdienen konnten, dass die Rente nicht zum Leben reicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu beachten ist allerdings, dass die obigen Zahlen aus 2021 sind und damit weder die positiven Effekte der 2022 von der Ampelkoalition eingef\u00fchrte Grundrente ber\u00fccksichtigen noch die wirtschaftlichen Folgen des Krieges in der Ukraine.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die steigende Altersarmut ist kein neues Ph\u00e4nomen. Die SPD-Fraktion im Stadtrat hat daher bereits im September 2020 das Sozialreferat <a href=\"https:\/\/risi.muenchen.de\/risi\/dokument\/v\/7440396\">beauftragt<\/a>, mit einer Feldstudie zu untersuchen, wie h\u00e4ufig \u00e4ltere M\u00fcnchnerinnen und M\u00fcnchner, die aufgrund einer sehr niedrigen Rente eigentlich Unterst\u00fctzung bekommen m\u00fcssten, diese Leistungen nicht in Anspruch nehmen. Die Ergebnisse liegen jetzt als <a href=\"https:\/\/risi.muenchen.de\/risi\/dokument\/v\/7440398\">Anlage 3<\/a> des Armutsberichts 2022 vor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei zeigt sich, das fast <strong>25% derjenigen, die Anspruch auf Grundsicherung im Alter haben, gar keinen entsprechenden Antrag stellen<\/strong>. Wie die Vorsitzende der SPD-Fraktion, Anne H\u00fcbner, im Ausschuss feststellte, ist das zwar deutlich niedriger als die in vorhergehenden bundesweiten Studien bestimmten Quoten von bis zu 60%. Dennoch besteht zweifelsfrei noch Verbesserungsbedarf im st\u00e4dtischen Beratungsangebot. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Feldstudie hat daher auch nach den Gr\u00fcnden f\u00fcr die Nichtinanspruchnahme gefragt und folgende Antworten bekommen:<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/2022-12-06-5-1024x583.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-3111\" width=\"512\" height=\"292\" srcset=\"https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/2022-12-06-5-1024x583.png 1024w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/2022-12-06-5-300x171.png 300w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/2022-12-06-5-768x437.png 768w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/2022-12-06-5.png 1289w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Quelle: S.8 der <a href=\"https:\/\/risi.muenchen.de\/risi\/dokument\/v\/7440398\">Anlage 3<\/a> zum Armutsbericht 2022<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf dieser Grundlage hat das Sozialreferat ein B\u00fcndel von Ma\u00dfnahmen entwickelt, die im zweiten und dritten Teil der <a href=\"https:\/\/risi.muenchen.de\/risi\/dokument\/v\/7440398\">Anlage 3<\/a> erl\u00e4utert werden. Damit soll es in Zukunft besser gelingen, \u00e4ltere Personen \u00fcber ihre Anspr\u00fcche zu informieren und falsche Vorstellungen aus dem Weg zu r\u00e4umen wie die Bef\u00fcrchtung, dass die eigenen Kinder zur Unterst\u00fctzung herangezogen werden (was nur selten der Fall ist, n\u00e4mlich erst ab einem Einkommen eines Kindes von mehr als 100.000 Euro ).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus meiner Sicht sind von den vorgeschlagenen Ma\u00dfnahmen insbesondere Schritte vielversprechend, mit denen aktiv auf die Seniorinnen und Senioren zugegangen wird. Dies kann beispielsweise durch regelm\u00e4\u00dfige pers\u00f6nliche Anschreiben der Stadt erfolgen, die bei Renteneintritt oder auch zu runden Geburtstagen versandt werden, um immer wieder \u00fcber die zahlreichen Beratungs- und Unterst\u00fctzungsm\u00f6glichkeiten der Stadt M\u00fcnchen zu informieren, auch in Fremdsprachen f\u00fcr Personen mit Migrationshintergrund. Die Hemmungen der \u00e4lteren Generation, bei finanziellen Problemen eines der vielen Sozialb\u00fcrgerh\u00e4user selbst aufzusuchen, werden kaum zu \u00fcberwinden sein. Gespr\u00e4chsangebote, die nebenbei in einer der vielen Altentagesst\u00e4tten M\u00fcnchens erfolgen, erscheinen mir deutlich aussichtsreicher.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Ergebnis wird die zunehmende Altersarmut (neben allen anderen Problembereichen wie der Situation von Alleinerziehenden oder kinderreichen Familien) ein weiterer Schwerpunkt der Sozialpolitik in M\u00fcnchen werden, der viel Geld, Ideen und Engagement ben\u00f6tigt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist eine Binsenweisheit, dass M\u00fcnchen eine reiche Stadt ist, vielleicht die reichste Stadt Deutschlands. Ebenso offensichtlich ist jedoch die Tatsache, dass es auch in M\u00fcnchen viel Armut gibt. Aber wie liegen die Dinge genau? Und wie haben sie sich in den letzten Jahren ver\u00e4ndert? 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