{"id":1503,"date":"2021-06-16T21:06:30","date_gmt":"2021-06-16T21:06:30","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtratsberichte.de\/?p=1503"},"modified":"2021-07-05T10:42:02","modified_gmt":"2021-07-05T10:42:02","slug":"eine-frage-der-abwaegung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stadtratsberichte.de\/?p=1503","title":{"rendered":"Eine Frage der Abw\u00e4gung"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bereits im Herbst 2020 habe ich <a href=\"https:\/\/stadtratsberichte.de\/?p=449\">hier<\/a> \u00fcber eine Sitzung des Kinder- und Jugendausschusses zu den Folgen von Corona berichtet. Damals habe ich mich gefragt, was sich aus der gro\u00dfen Betroffenheit \u00fcber die dramatischen Auswirkungen des ersten Lockdowns f\u00fcr Kinder und Jugendliche f\u00fcr die Zukunft ergibt. Diese Frage ist inzwischen beantwortet: (Fast) nichts. Nach halbherzigen Versuchen, den Schulbetrieb bei steigenden Inzidenzzahlen aufrecht zu erhalten, ist dasselbe passiert wie im Fr\u00fchjahr 2020. Das normale Leben der Kinder und Jugendlichen ist \u00fcber ein halbes Jahr lang den strikten Ma\u00dfnahmen zur Senkung der Inzidenz zum Opfer gefallen. Eine altersabh\u00e4ngige Differenzierung der Corona-Ma\u00dfnahmen gab und gibt es bis auf wenige Ausnahmen nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das sind keine Entscheidungen des M\u00fcnchner Stadtrates oder seiner Aussch\u00fcsse gewesen. Es ist die Folge der Corona-Strategie des Freistaats und des Bundes. Dennoch hat der Kinder- und Jugendhilfeausschuss des M\u00fcnchner Stadtrates am vergangenen Dienstag auf Antrag der SPD und der Gr\u00fcnen einmal mehr dieses Thema aufgegriffen. Im Rahmen einer umfangreichen <strong>Expertenanh\u00f6rung<\/strong> wurden Vertreterinnen von Kinder\u00e4rzten und der Schulverwaltung sowie einige Kinder und Jugendliche angeh\u00f6rt. Damit sollten die Stadtr\u00e4tinnen und Stadtr\u00e4te einen Eindruck der Lage bekommen und Anregungen erhalten, was die Stadt M\u00fcnchen unternehmen kann, um die Situation zu verbessern. Die Ergebnisse werden in naher Zukunft in eine Beschlussvorlage des Sozialreferats einflie\u00dfen.<\/p>\n\n\n<p><!--more--><\/p>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend die erwachsenen Experten direkt vor Ort mit den Ausschussmitgliedern diskutieren konnten, wurden die Kinder und Jugendliche nur online zugeschaltet &#8211; mit den \u00fcblichen Begleiterscheinungen wie schlechter Bild- und Klangqualit\u00e4t bis zum v\u00f6lligen Tonausfall. Sollte das eine Infektionsschutzma\u00dfnahme sein oder bestand die Vermutung, dass die acht teilnehmenden Kinder und Jugendlichen nach Monaten im Homeschooling ungehemmter in die Kamera reden als direkt zu den Stadtr\u00e4tinnen und Stadtr\u00e4ten? Ich wei\u00df es nicht. Es war jedenfalls f\u00fcr den Informationsaustausch nicht f\u00f6rderlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Inhaltlich sind die Ergebnisse der Anh\u00f6rung nicht \u00fcberraschend. Alles, was im <a href=\"https:\/\/stadtratsberichte.de\/?p=449\">Bericht im Herbst 2020<\/a> bereits angesprochen worden ist, gilt jetzt erst recht, da der Ausnahmezustand f\u00fcr die Kinder und Jugendlichen inzwischen \u00fcber viele Monate andauert. So haben Vertreterinnen der Kinder\u00e4rzte in M\u00fcnchen dar\u00fcber berichtet, dass insbesondere in der dritten Welle die Anzahl verhaltensauff\u00e4lliger Kinder stark angestiegen ist. Sie seien vielfach in einem Zustand, der eine Teilnahme am gerade wiederaufgenommenen Schulbetrieb nicht zul\u00e4sst. S\u00e4mtliche Therapiepl\u00e4tze in M\u00fcnchen sind bereits f\u00fcr die beiden n\u00e4chsten Jahre ausgebucht. Und wieder trifft es dabei am meisten diejenigen, die ohnehin aus schwierigen Verh\u00e4ltnissen kommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Berichte der Kinder selbst waren erschreckend, wenn beispielsweise zwei M\u00e4dchen aus einem M\u00fcnchner Kinderheim erz\u00e4hlen, dass \u00fcber Monate nur noch ganz wenige, kurze Besuche ihrer Verwandten erlaubt waren. Der Tenor der Berichte der Kinder und Jugendlichen war, dass ihre Situation bei der Pandemiebek\u00e4mpfung einfach vergessen worden ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das glaube ich nicht. Vergessen hat hier niemand etwas, denn die schlimmen Folgen von Schulschlie\u00dfungen, strikten Kontaktbeschr\u00e4nkungen und Ausgangssperren f\u00fcr Kinder und Jugendliche sind nach dem ersten Lockdown bereits in aller Breite diskutiert worden. Nein, es war eine ganz bewusste Abw\u00e4gungsentscheidung, das Gesundheitsrisiko der Generation 60+ immer wieder h\u00f6her zu gewichten als die psychischen und sozialen Risiken f\u00fcr die kommende Generation. Damit tragen Kinder und Jugendliche eine enorme Last bei der Bek\u00e4mpfung einer Krankheit, die sie selbst nicht betrifft. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein paar Fakten dazu aus der <a href=\"https:\/\/www.rki.de\/DE\/Content\/Infekt\/EpidBull\/Archiv\/2021\/Ausgaben\/23_21.pdf?__blob=publicationFile\">aktuellen Stellungnahme der St\u00e4ndigen Impfkommission (STIKO)<\/a>. Das altersabh\u00e4ngige Risiko, urs\u00e4chlich an Corona zu versterben, zeigt folgende Tabelle:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/2021-06-16-1024x318.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1518\" width=\"674\" height=\"209\" srcset=\"https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/2021-06-16-1024x318.png 1024w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/2021-06-16-300x93.png 300w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/2021-06-16-768x238.png 768w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/2021-06-16.png 1206w\" sizes=\"auto, (max-width: 674px) 100vw, 674px\" \/><figcaption><a href=\"https:\/\/www.rki.de\/DE\/Content\/Infekt\/EpidBull\/Archiv\/2021\/Ausgaben\/23_21.pdf?__blob=publicationFile\">Quelle: Aktuelle Stellungnahme der STIKO<\/a><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie man sieht, sind die Opferzahlen bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren <strong>extrem niedrig<\/strong> &#8211; viel viel niedriger als bei anderen Gefahren f\u00fcr Kinder und Jugendliche wie beispielsweise dem Stra\u00dfenverkehr. Im Gegensatz dazu liegt <strong>der Prozentsatz der Generation 60+ bei fast 96% der urs\u00e4chlich an Corona Verstorbenen<\/strong>. Anders ausgedr\u00fcckt ist das Coronarisiko eines \u00fcber 60-j\u00e4hrigen mehr als 8000-fach h\u00f6her als eines 15-j\u00e4hrigen (vgl. die letzte Zeil der Tabelle).  Die STIKO leitet daraus ab, dass es &#8211; zumindest gegenw\u00e4rtig &#8211; zum Schutz der Kinder und Jugendlichen im Regelfall keine Veranlassung f\u00fcr eine Impfung und die damit verbundenen Risiken gibt. Das ist hier jedoch nicht das Thema. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Zahlen best\u00e4tigen die obige Aussage, dass Kinder und Jugendliche Ma\u00dfnahmen ertragen mussten und immer noch m\u00fcssen, die nicht zu ihrem Schutz, sondern zum Schutz der Generation ihrer Gro\u00dfeltern erlassen worden sind. Daf\u00fcr sollte man den Kindern und Jugendlichen zun\u00e4chst einmal sehr dankbar sein und viel Verst\u00e4ndnis aufbringen, falls es doch einmal zu Regelverst\u00f6\u00dfen kommt. Wenn, wie in der Anh\u00f6rung von Jugendlichen berichtet, beispielsweise drei junge M\u00e4dchen aus verschiedenen Haushalten im Freien beieinander stehen und das zu Bu\u00dfgeldern von mehreren hundert EUR pro Person f\u00fchrt, fragt man sich, ob beim Verordnungsgeber, dem bayrischen Freistaat, alle Ma\u00dfst\u00e4be der Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit verloren gegangen sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Folge ist &#8211; auch das wurde in der Anh\u00f6rung deutlich &#8211; ein in weiten Teilen zerr\u00fcttetes Verh\u00e4ltnis vieler Jugendliche zu dem Staat, in dem sie aufwachsen. Polizeikr\u00e4fte werden vielfach nicht als &#8222;Freund und Helfer&#8220; betrachtet, sondern als Bedrohung des nat\u00fcrlichen Bed\u00fcrfnisses, sich mit anderen Jugendlichen auszutauschen. Hier wird es mehr brauchen als den Hinweis des bei der Anh\u00f6rung anwesenden Polizeivertreters, dass von der Politik festgelegte Regeln nun mal auch von Jugendlichen befolgt werden m\u00fcssen. Im Gegenteil, sp\u00e4testens jetzt, wo ein Gro\u00dfteil der Ma\u00dfnahmen aufgehoben ist, br\u00e4uchte es umfangreiche Gespr\u00e4chsangebote, um bei den Jugendlichen um Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr zu bitten, dass die Polizei nicht anders kann, als Vorschriften der Landes- und Bundespolitik durchzusetzen. Das w\u00e4re vielleicht einer der ersten Schritte, die die Stadt M\u00fcnchen gemeinsam mit dem Polizeipr\u00e4sidium in diesem Sommer angehen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und sonst? Die Frage ist die gleiche wie bereits im Herbst 2020. Werden wir, wenn die Inzidenz nach dem Sommer wieder steigt, im Namen des Infektionsschutzes erneut die Polizei losschicken, um Kinder und Jugendliche auseinanderzutreiben und die Schulen und alle Freizeitangebote schlie\u00dfen? 30 Mio B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger \u00fcber 60 in diesem Land sind gegen\u00fcber 18 Mio Kindern und Jugendlichen klar in der Mehrheit. Da bleibt wenig Hoffnung. Allenfalls die Impfung wird das verhindern k\u00f6nnen. Eine andere Abw\u00e4gung ist nicht zu erwarten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bereits im Herbst 2020 habe ich hier \u00fcber eine Sitzung des Kinder- und Jugendausschusses zu den Folgen von Corona berichtet. Damals habe ich mich gefragt, was sich aus der gro\u00dfen Betroffenheit \u00fcber die dramatischen Auswirkungen des ersten Lockdowns f\u00fcr Kinder und Jugendliche f\u00fcr die Zukunft ergibt. 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