{"id":1338,"date":"2021-04-25T08:25:29","date_gmt":"2021-04-25T08:25:29","guid":{"rendered":"https:\/\/stadtratsberichte.de\/?p=1338"},"modified":"2021-07-05T10:43:16","modified_gmt":"2021-07-05T10:43:16","slug":"eine-vorbildliche-fragestunde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stadtratsberichte.de\/?p=1338","title":{"rendered":"Eine vorbildliche Fragestunde"},"content":{"rendered":"\n<p>Zu den besonders erm\u00fcdenden Aspekten der Corona-Pandemie geh\u00f6rt die Berichterstattung in den Medien. Im Fernsehen werden in immer gleichen Talkrunden von immer gleichen Protagonisten die immer gleichen Argumente ausgetauscht. Auch in der Presse hat sich fast jede Journalistin und jeder Journalist inzwischen positioniert, entweder um nach viel strengeren (aber angeblich k\u00fcrzeren) Ma\u00dfnahmen zu rufen oder um vieles f\u00fcr \u00fcbertrieben und in der Abw\u00e4gung f\u00fcr falsch zu halten. Negative Nachrichten stehen im Vordergrund, denn &#8222;gloom and doom&#8220; bringt die meiste Aufmerksamkeit. Umso erfreulicher war es, am vergangenen Donnerstag einer Fragestunde der Stadtr\u00e4tinnen und Stadtr\u00e4te im Gesundheitsausschuss zuzuh\u00f6ren. Hier stand nicht die Bewertung, sondern die &#8211; durchaus schwierige &#8211; Erarbeitung von Fakten zur Pandemielage in M\u00fcnchen im Vordergrund.  <\/p>\n\n\n<p><!--more--><\/p>\n\n\n<p>Ausgangspunkt war wieder ein Vortrag von Wolfgang Sch\u00e4uble, dem Leiter des st\u00e4dtischen Krisenstabes. Neben dem Verlauf der Inzidenz, die in M\u00fcnchen seit einer Woche bei ca. 150 liegt, berichtete  er von der steigenden Belegung der Intensivstationen. Allerdings sei nach Meinung der Experten, so Herr Sch\u00e4uble,<strong> in etwa ein bis zwei Wochen mit dem Maximum der Belastung zu rechnen<\/strong>. Eine Aussage, die aufhorchen l\u00e4sst, wird doch in vielen Medien immer noch ein exponentieller Anstieg der Anzahl an Intensivpatienten vermeldet.<\/p>\n\n\n\n<p>Was stimmt denn nun? Dazu folgender Exkurs: F\u00fcr den Blick in die Zukunft der Pandemie braucht man Simulationen. Allerdings sind solche Modellrechnungen keine &#8222;Wahrheit&#8220;, selbst wenn sie von renommierten Wissenschaftlern erstellt werden, sondern \u00e4hnlich unsicher wie die Wettervorhersage. Zwei aktuelle Beispiele dazu:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Verlauf der Inzidenz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Anfang M\u00e4rz (Kalenderwoche 9) hat das Robert-Koch-Institut (RKI) eine vielbeachtete Prognose der Inzidenz ver\u00f6ffentlicht, mit der die englische Mutation ber\u00fccksichtigt wird. Der Tagesbericht des RKI vom vergangenen Donnerstag zeigt einen Vergleich dieses Modells mit den tats\u00e4chlichen Inzidenzen \u00fcber die letzten f\u00fcnf Wochen:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"450\" src=\"https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/2021-04-24-1024x450.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1344\" srcset=\"https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/2021-04-24-1024x450.png 1024w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/2021-04-24-300x132.png 300w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/2021-04-24-768x338.png 768w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/2021-04-24.png 1115w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><figcaption>Vergleich der RKI-Simulation zur Inzidenz mit tats\u00e4chlichen Werten (Quelle: <a href=\"https:\/\/www.rki.de\/DE\/Content\/InfAZ\/N\/Neuartiges_Coronavirus\/Situationsberichte\/Apr_2021\/2021-04-23-de.pdf?__blob=publicationFile\">RKI-Lagebericht vom 23.4<\/a>.)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Beim genauen Hinsehen erkennt man, dass der angenommene exponentielle Anstieg der F\u00e4lle mit B.1.1.7 zun\u00e4chst zu den tats\u00e4chlich aufgetretenen Fallzahlen (rote &#8222;x&#8220;) passt, allerdings nur bis zur Kalenderwoche 12. Danach wurde, wie das  RKI etwas lapidar bemerkt &#8222;<em>im Vergleich zur Prognose eine geringere Anzahl von F\u00e4llen nachgewiesen<\/em>&#8220; . Mit anderen Worten stimmt die Modellrechnung wie die Wettervorhersage nur f\u00fcr die n\u00e4here Zukunft, danach nicht mehr. Trotzdem erhalten solche Simulationen maximale &#8211; unkritische &#8211; mediale Aufmerksamkeit, beispielsweise <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/rki-prognose-inzidenz-rekord-101.html\">hier<\/a>:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/2021-04-24-5-1024x728.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1348\" width=\"512\" height=\"364\" srcset=\"https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/2021-04-24-5-1024x728.png 1024w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/2021-04-24-5-300x213.png 300w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/2021-04-24-5-768x546.png 768w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/2021-04-24-5-1536x1092.png 1536w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/2021-04-24-5.png 1606w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><figcaption><em><a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/rki-prognose-inzidenz-rekord-101.html\">Meldung der Tagesschau vom 13. M\u00e4rz<\/a>. Es fehlt jeder Hinweis darauf, wie unsicher solche Prognosen sind.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die tats\u00e4chlichen Inzidenzwerte lagen nicht einmal bei der H\u00e4lfte der f\u00fcr die Kalenderwoche 15 Woche vorhergesagten 350.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Belegung der Intensivstationen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine weitere Simulation mit gro\u00dfer medialer Aufmerksamkeit betrifft die  Intensivstationen. Das <a href=\"https:\/\/www.divi.de\/joomlatools-files\/docman-files\/publikationen\/covid-19-dokumente\/210318-divi-kombinierte-lockdown-impfstrategie.pdf\">&#8222;DIVI&#8220;- Prognosemodell<\/a> wurde Mitte M\u00e4rz von der Deutschen Interdisziplin\u00e4ren Vereinigung f\u00fcr Intensiv- und Notfallmedizin erstellt  Es soll die Anzahl der Patienten auf den Intensivstationen in Deutschland voraussagen. Die letzte Aktualisierung vom 20. April sieht so aus:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"427\" src=\"https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Bild-1024x427.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1351\" srcset=\"https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Bild-1024x427.jpg 1024w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Bild-300x125.jpg 300w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Bild-768x320.jpg 768w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Bild-1536x640.jpg 1536w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Bild-2048x853.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><figcaption>Update des <a href=\"https:\/\/www.divi.de\/register\/divi-prognosemodell\">DIVI-Prognosemodells<\/a> zur Belegung der Intensivstationen vom 20. April<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die vergangenen Monate gibt das Modell die Realit\u00e4t gut wieder, denn die tats\u00e4chlichen Patientenzahlen (gr\u00fcne Punkte) liegen nahe der errechneten roten Kurve im linken Teil des Bildes. Ab April unterscheidet das Modell seine Vorhersage f\u00fcr verschiedene angenommene Maximalinzidenzen. Der tats\u00e4chlich beobachtete Verlauf der Patientenzahlen passt gut zur Vorhersage f\u00fcr eine Maximalinzidenz von 150 (blaue Kurve) und damit in etwa zu den tats\u00e4chlichen bundesweiten Inzidenzwerten von +\/- 160 in den letzten zwei Wochen. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch dieses Modell darf nicht als unumst\u00f6\u00dfliche Wahrheit missverstanden werden. Es l\u00e4sst aber f\u00fcr die nahe Zukunft der n\u00e4chsten zwei Wochen vermuten, dass mit ca. 5000 Patienten das Maximum der Belegung der Intensivstationen erreicht ist und die Zahlen danach aufgrund der fortschreitenden Impfungen sinken werden. Je weiter die Kurven in die Zukunft reichen, desto unsicherer sind allerdings auch hier die Vorhersagen. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Ergebnis spricht somit einiges f\u00fcr die Aussage von Herrn Sch\u00e4uble, dass die M\u00fcnchner Intensivstationen in ein bis zwei Wochen den H\u00f6chststand an Corona-Patienten erreichen werden und die Situation danach allm\u00e4hlich besser wird. Auch die Stadtr\u00e4tinnen und Stadtr\u00e4te im Gesundheitsausschuss wirkten wegen der Situation in den M\u00fcnchner Kliniken nicht sehr beunruhigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Weitere Aspekte des Vortrags im Gesundheitsausschuss betraf die laufende <strong>Impfkampagne<\/strong>. Hier konnte Herr Sch\u00e4uble von einer Schaltkonferenz mit der Bundesregierung am vergangenen Dienstag berichten. Dort wurde nachdr\u00fccklich versichert, dass die Impfstofflieferungen im Mai ganz erheblich zunehmen w\u00fcrden. Damit w\u00e4ren pro Monat bis zu 400.000 Impfungen in M\u00fcnchen m\u00f6glich. In diesem Fall sei man bis Anfang August mit der ersten Impfung f\u00fcr alle erwachsenen M\u00fcnchnerinnen und M\u00fcnchner durch. Allerdings besteht noch erhebliche Unsicherheit, da die Impfstofflieferungen f\u00fcr M\u00fcnchen bislang von Woche zu Woche stark schwanken.<\/p>\n\n\n\n<p>Von den Ausschussmitgliedern wurde nachdr\u00fccklich angeregt, die Ausnutzung der Impfdosen im Impfzentrum zu verbessern. Ge\u00fcbten \u00c4rzten sei es m\u00f6glich, nicht nur sechs, sondern sieben Spritzen aus einem Biontech-Fl\u00e4schchen aufzuziehen. Dem will die Verwaltung nachgehen. M\u00f6glicherweise stehen hier aber Anweisungen des Freistaats im Wege und die Frage, wer f\u00fcr solch eine schwierigere Vorgehensweise beim Vorbereiten der Impfungen verantwortlich sein soll.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberraschend war die Aussage, dass die Sonderaktion zur Impfung von Lehrerinnen und Lehrern bislang nur schleppend angenommen worden ist. Warum das so ist, war nicht zu kl\u00e4ren. Hingegen ist die au\u00dferhalb der Impfreihenfolge angelaufene Verimpfung von ca. 6000 zus\u00e4tzlichen AstraZeneca-Dosen an interessierte M\u00fcnchnerinnen und M\u00fcnchner \u00fcber 60 ein Erfolg. Laut <a href=\"https:\/\/www.muenchen.de\/rathaus\/Stadtverwaltung\/Referat-fuer-Gesundheit-und-Umwelt\/Infektionsschutz\/Neuartiges_Coronavirus.html#astrazeneca-sonderaktion-impfen-60_5\">muenchen.de<\/a> sind inzwischen alle Termine ausgebucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber hinaus konnte die Verwaltung weitere <strong>Daten zur Infektionslage in M\u00fcnchen<\/strong> pr\u00e4sentieren. Die Reihentestung an den Schulen nach den Osterferien hat innerhalb von f\u00fcnf Tagen (bis die steigende Inzidenz gem\u00e4\u00df den Regeln des Freistaats den Pr\u00e4senzunterricht wieder weitgehend gestoppt hat) zu 163 positiven Schnelltests gef\u00fchrt. Das sind etwa 10% aller Infektionsf\u00e4lle in M\u00fcnchen in diesem Zeitraum. Auf die Frage aus dem Ausschuss, wie hoch der Anteil falsch positiver Schnelltests an den Schulen ist, gab es noch keine Antwort, da ein Abgleich mit den nachfolgenden PCR-Tests noch nicht erfolgt ist. Herr Sch\u00e4uble wird versuchen, bis zur n\u00e4chsten Vollversammlung dazu weitere Informationen zusammenzutragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich gab es auch <strong>Daten zur Mobilit\u00e4t<\/strong>. So ist die Nutzung des \u00f6ffentlichen Nahverkehrs in M\u00fcnchen inzwischen auf 55% gesunken. Der motorisierte Individualverkehr liegt aktuell bei ca. 70% des normalen Aufkommens. Die berechtigte Nachfrage, ob zu Sto\u00dfzeiten trotzdem noch mit gef\u00e4hrlich vollen U-Bahnen zu rechnen sei, soll ebenfalls bis zur n\u00e4chsten Vollversammlung gekl\u00e4rt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt empfand ich die mehr als zweist\u00fcndige Diskussion als einen vorbildlichen Versuch, die vielf\u00e4ltigen Aspekte der Pandemie in M\u00fcnchen einzuordnen und zu verstehen. Einige der von den Ausschussmitgliedern aufgeworfenen Fragen stellen sich auch auf Bundesebene, ohne dass es Antworten gibt. Pressekonferenzen des Gesundheitsministers und der Leitung des RKI konzentrieren sich stattdessen auf gebetsm\u00fchlenartige Ermahnungen an die Bev\u00f6lkerung. Von tiefergehenden Nachfragen der anwesenden Medienvertreter ist nur selten etwas zu h\u00f6ren. Auch eine breite Expertenanh\u00f6rung im Bundestag hat nach mehr als einem Jahr Pandemie nicht stattgefunden. Aber nur wenn die Faktenlage f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit so klar und umfassend wie m\u00f6glich aufgearbeitet wird, kann sich daran eine sinnvolle Diskussion anschlie\u00dfen, welche Ma\u00dfnahmen wirklich notwendig und angemessen sind. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu den besonders erm\u00fcdenden Aspekten der Corona-Pandemie geh\u00f6rt die Berichterstattung in den Medien. 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