{"id":1023,"date":"2021-03-10T13:31:19","date_gmt":"2021-03-10T13:31:19","guid":{"rendered":"http:\/\/stadtratsberichte.de\/?p=1023"},"modified":"2021-03-10T22:29:17","modified_gmt":"2021-03-10T22:29:17","slug":"corona-und-die-folgen-vi-kinder-und-jugendliche-brauchen-mehr-als-nur-mitgefuehl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stadtratsberichte.de\/?p=1023","title":{"rendered":"Corona und die Folgen (VI): Kinder und Jugendliche brauchen mehr als nur Mitgef\u00fchl"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Gefahren des Virus f\u00fcr die Gesundheit der Bev\u00f6lkerung stehen seit einem Jahr uneingeschr\u00e4nkt im Mittelpunkt der Politik. Die wirtschaftlichen Sch\u00e4den der getroffenen Ma\u00dfnahmen haben demgegen\u00fcber weniger Gewicht. Beispielsweise zwingt der monatelange Lockdown den Einzelhandel in einen brutalen und weitgehend unumkehrbaren Strukturwandel, bei dem auch in M\u00fcnchen viele L\u00e4den und ihre Besch\u00e4ftigen auf der Strecke bleiben &#8211; trotz aller staatlichen Unterst\u00fctzungsma\u00dfnahmen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche spielen bei der Entscheidung \u00fcber Infektionsschutzma\u00dfnahmen eine noch weit geringere Rolle, jedenfalls dann, wenn es um mehr geht als um die Sicherstellung der fortlaufenden Wissensvermittlung mit Homeschooling oder Wechselunterricht.  Welche Belastungen und psychische Sch\u00e4den \u00fcber Monate andauernde Kontaktbeschr\u00e4nkungen in einem Alter verursachen, in dem Gleichaltrige f\u00fcr die Ausbildung der eigenen Pers\u00f6nlichkeit wichtiger sind als die eigenen Eltern, l\u00e4sst sich nur vermuten. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um f\u00fcr M\u00fcnchen etwas Licht ins Dunkel zu bringen, hat das Sozialreferat einen umfangreichen <a href=\"https:\/\/www.ris-muenchen.de\/RII\/RII\/DOK\/SITZUNGSVORLAGE\/6505194.pdf\">Bericht<\/a> erstellt, der in der gestrigen Sitzung des Ausschusses f\u00fcr Kinder- und Jugendhilfe diskutiert worden ist. Wichtige Inhalte daraus werden im Folgenden zusammengefasst und kommentiert:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1.   Die aktuelle Lage<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Bericht zeigt, wie schwierig es ist, harte Daten zur Situation der Kinder und Jugendlichen in M\u00fcnchen zusammenzustellen. Psychische Belastungen und Entwicklungsst\u00f6rungen lassen sich &#8211; anders als Inzidenzzahlen &#8211; nicht einfach z\u00e4hlen. Nur dann, wenn die Situation v\u00f6llig eskaliert und es in einer Familie zu h\u00e4uslicher Gewalt gekommen ist, findet das einen Niederschlag in der Polizeistatistik. Und da ist f\u00fcr den ersten Lockdown im vergangenen April mit seinen strengen Ausgangsbeschr\u00e4nkungen ein deutlicher Anstieg zu erkennen:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2021-03-09-1024x514.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1025\" width=\"674\" height=\"338\" srcset=\"https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2021-03-09-1024x514.png 1024w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2021-03-09-300x151.png 300w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2021-03-09-768x385.png 768w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2021-03-09.png 1118w\" sizes=\"auto, (max-width: 674px) 100vw, 674px\" \/><figcaption>Von der Polizei erfasste F\u00e4lle h\u00e4uslicher Gewalt in Familien mit Kindern. Ausgehend von einem Mittelwert von ca. 85 F\u00e4llen pro Monat ist die Anzahl im April 2020 <strong>um etwa 40%<\/strong> auf fast 120 F\u00e4lle angestiegen. F\u00fcr den zweiten Lockdown ab November ist dies (noch) nicht erkennbar. (Quelle: S. 37 des <a href=\"https:\/\/www.ris-muenchen.de\/RII\/RII\/DOK\/SITZUNGSVORLAGE\/6505194.pdf\">Berichts<\/a> des Sozialreferats)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit werden aber die tats\u00e4chlichen Gef\u00e4hrdungen von Kindern und Jugendlichen nicht vollst\u00e4ndig erfasst, wie sich aus einem anderen Datensatz des Berichts ableiten l\u00e4sst: In normalen Zeiten gibt es in M\u00fcnchen etwa 80 Inobhutnahmen pro Monat, wenn Kinder in ihren Familien akut gef\u00e4hrdet sind und daher in Pflegefamilien untergebracht werden m\u00fcssen. Im April \/Mai 2020 ist diese Zahl  &#8211; genau entgegen dem Verlauf der h\u00e4uslichen Gewalt &#8211; auf etwa 50 F\u00e4lle gesunken. Wie im Bericht vermutet, liegt dies sicher nicht an einer Verbesserung der Situation in den Familien, sondern daran, dass in dieser Zeit \u00fcbliche &#8222;Warnmelder&#8220; von misshandelten Kindern wie Kitas und Schulen geschlossen waren. Gef\u00e4hrdete Kinder sind damit einfach aus dem Blickfeld verschwunden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weitere aussagekr\u00e4ftige Zahlen sind dem Bericht nicht zu entnehmen, da das Jugendamt kaum eigene Statistiken erhebt. Die R\u00fcckmeldungen der Kooperationspartner der Stadt bei der Kinder- und Jugendhilfe gehen aber alle in die gleiche Richtung, n\u00e4mlich dass die Situation sich mit dem andauernden zweiten Lockdown deutlich verschlechtert hat, insbesondere in Familien, in denen die Situation der Kinder und Jugendlichen ohnehin schon schwierig ist.  Worum es dabei geht, zeigt folgender Auszug aus dem Bericht:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2021-03-10.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1031\" width=\"486\" height=\"430\" srcset=\"https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2021-03-10.png 971w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2021-03-10-300x266.png 300w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2021-03-10-768x680.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 486px) 100vw, 486px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Best\u00e4tigt wird diese Analyse f\u00fcr M\u00fcnchen durch die im Bericht zitierte <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1007\/s00103-021-03291-3\">COPSY-Studie<\/a> zur bundesweiten Situation von Kindern und Jugendlichen (die allerdings auch nur auf Daten aus dem ersten, vergleichsweise kurzen Lockdown im Fr\u00fchjahr 2020 beruht).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">2.    Ma\u00dfnahmen des Sozialreferats im zweiten Lockdown<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Sozialreferat und die freien Tr\u00e4ger der Kinder- und Jugendhilfe haben mit einer Vielzahl von Anpassungen flexibel auf den zweiten Lockdown reagiert, um so gut es geht die vielf\u00e4ltigen Unterst\u00fctzungsangebote der Stadt M\u00fcnchen fortf\u00fchren zu k\u00f6nnen. Dabei ist es unter anderem gelungen, die 164 Kinder- und Jugendtreffs der Stadt offen zu halten. Gleichzeitig wurden neue Formate wie &#8222;Walk and Talk&#8220;  oder Gespr\u00e4che an der Haust\u00fcr eingesetzt, um so die Betreuungsarbeit wenigstens teilweise fortf\u00fchren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als besonders schwierig wird jedoch die Kontaktaufnahme zu neuen Kindern oder Familien betrachtet, von denen noch keine Daten vorliegen und die daher nicht proaktiv angesprochen werden k\u00f6nnen. Auch ist bei online-Angeboten oder Telefonaten anders als im pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4ch nicht immer die erforderliche Vertraulichkeit gegeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Insgesamt gewinnt man aus dem Bericht den Eindruck, dass die Verantwortlichen im Sozialreferat und bei den freien Tr\u00e4gern mit gro\u00dfem Engagement alle M\u00f6glichkeiten ausn\u00fctzen, um die Beratungs- und Unterst\u00fctzungsangebote der Kinder- und Jugendhilfe im zweiten Lockdown aufrecht zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Ausschuss wurde der Bericht mit gro\u00dfer Betroffenheit zur Kenntnis genommen. Von allen Fraktionen wurde ge\u00e4u\u00dfert, dass Kinder und Jugendliche nach einem Jahr Pandemie-bedingter Einschr\u00e4nkungen die Solidarit\u00e4t und Unterst\u00fctzung der Erwachsenen verdient h\u00e4tten. Allerdings gelte dies immer unter Ber\u00fccksichtigung des Infektionsschutzes, zumal auch in M\u00fcnchen die Inzidenz gerade wieder ansteige.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Genau da liegt aus meiner Sicht das Problem. Das ausgedr\u00fcckte Mitgef\u00fchl ist wenig wert, wenn sich daraus f\u00fcr die Verbesserung der Situation der Kinder und Jugendlichen nichts ergibt. Damit werden nur Beteuerungen wiederholt, <a href=\"https:\/\/stadtratsberichte.de\/?p=449\">die im gleichen Ausschuss schon nach dem ersten Lockdown zu h\u00f6ren waren<\/a>. Um die eigentliche Kernfrage dr\u00fcckt man sich damit herum, n\u00e4mlich ob zugunsten der kommenden Generation &#8211; solidarisch &#8211; auch ein etwas h\u00f6heres Gesundheitsrisiko akzeptiert werden kann oder ob das Argument des Infektionsschutzes auch in Zukunft immer sticht. Im Grunde geht es um eine schwierige Abw\u00e4gung, an der niemand vorbeikommt. So wie jede Kontaktbeschr\u00e4nkung zu den oben erl\u00e4uterten schlimmen Sch\u00e4den bei Kindern und Jugendlichen beitr\u00e4gt, so hat umgekehrt jedes ge\u00f6ffnete Jugendzentrum, jegliches Erlauben von Kontakten etc. Auswirkungen auf die Inzidenz. Man muss sich nur die <a href=\"https:\/\/www.rki.de\/DE\/Content\/InfAZ\/N\/Neuartiges_Coronavirus\/Situationsberichte\/Maerz_2021\/2021-03-09-de.pdf?__blob=publicationFile\">aktuellen Grafiken des RKI<\/a> anschauen, um zu erkennen, dass trotz aller Vorsichtsma\u00dfnahmen seit der zaghaften \u00d6ffnung von Kitas und Schulen vor einigen Wochen die Corona-Ausbr\u00fcche dort wieder deutlich zunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nur wie schlimm ist das noch, nachdem die Pflegeheime inzwischen durchgeimpft sind? Anders als in 2020 wird jetzt aufgrund der Impfungen der Anteil der Infizierten, die tats\u00e4chlich an COVID schwer erkranken und m\u00f6glicherweise versterben, abnehmen. Hohe Inzidenzen haben vor Beginn der Impfkampagne zeitversetzt immer auch zu hohen Krankenhauseinweisungen und Todeszahlen gef\u00fchrt. Dieser Zusammenhang wird durch die Impfungen der \u00e4lteren Generation mit jedem Tag schw\u00e4cher und deshalb die Aussagekraft von Inzidenzwerten fortlaufend geringer. Damit ist es aus meiner Sicht an der Zeit, die Pandemiema\u00dfnahmen neu zu bewerten und die Abw\u00e4gung zugunsten der Kinder und Jugendlichen zu treffen. Diese Gruppe ist von schweren Corona-Verl\u00e4ufen bis auf wenige Einzelf\u00e4lle &#8211; vgl. auch dazu die <a href=\"https:\/\/www.rki.de\/DE\/Content\/InfAZ\/N\/Neuartiges_Coronavirus\/Situationsberichte\/Maerz_2021\/2021-03-09-de.pdf?__blob=publicationFile\">t\u00e4glichen RKI-Zahlen<\/a> &#8211; nicht betroffen, tr\u00e4gt aber eine enorme Belastung, wie der Bericht des Sozialreferats eindrucksvoll zeigt. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gefahren des Virus f\u00fcr die Gesundheit der Bev\u00f6lkerung stehen seit einem Jahr uneingeschr\u00e4nkt im Mittelpunkt der Politik. Die wirtschaftlichen Sch\u00e4den der getroffenen Ma\u00dfnahmen haben demgegen\u00fcber weniger Gewicht. Beispielsweise zwingt der monatelange Lockdown den Einzelhandel in einen brutalen und weitgehend unumkehrbaren Strukturwandel, bei dem auch in M\u00fcnchen viele L\u00e4den und ihre Besch\u00e4ftigen auf der Strecke &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/stadtratsberichte.de\/?p=1023\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eCorona und die Folgen (VI): Kinder und Jugendliche brauchen mehr als nur Mitgef\u00fchl\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[],"class_list":["post-1023","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kinder-und-jugendhilfe"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/stadtratsberichte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1023","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/stadtratsberichte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/stadtratsberichte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/stadtratsberichte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/stadtratsberichte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1023"}],"version-history":[{"count":21,"href":"https:\/\/stadtratsberichte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1023\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1049,"href":"https:\/\/stadtratsberichte.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1023\/revisions\/1049"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/stadtratsberichte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1023"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/stadtratsberichte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1023"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/stadtratsberichte.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1023"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}