{"id":1003,"date":"2021-03-05T00:48:50","date_gmt":"2021-03-05T00:48:50","guid":{"rendered":"http:\/\/stadtratsberichte.de\/?p=1003"},"modified":"2021-03-09T13:33:20","modified_gmt":"2021-03-09T13:33:20","slug":"impfen-in-muenchen-auf-die-software-kommt-es-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/stadtratsberichte.de\/?p=1003","title":{"rendered":"Impfen in M\u00fcnchen &#8211; auf die Software kommt es an"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Weg aus der Pandemie f\u00fchrt weder nach China noch nach Neuseeland oder Australien, wie manche meinen, sondern nach Israel. Nur schnelles Impfen bietet eine verl\u00e4ssliche Perspektive, das &#8222;neue Normal&#8220; endlich hinter uns zu lassen. Die Vollversammlung am vergangenen Mittwoch bot die Gelegenheit zu erfahren, wie die Impfkampagne in M\u00fcnchen vorankommt. Und dabei zeigt sich, dass eine Software des Freistaats, mit der die Verteilung des zun\u00e4chst sehr knappen Impfstoffs optimiert worden ist, sich zunehmend als Hemmschuh erweisen k\u00f6nnte, wenn es jetzt um das schnelle Hochfahren der Impfungen geht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ausgangspunkt der Beratungen im Stadtrat war wieder einmal der Sachstandsbericht von Wolfgang Sch\u00e4uble, dem Leiter des st\u00e4dtischen Krisenstabes. Neben den bekannten Inzidenzzahlen (aktuell 45, Tendenz wieder leicht steigend) und den Corona-Auslastungen der Krankenh\u00e4user (aktuell weniger als 30% der Spitzenwerte in der zweiten Welle, weiter fallend) lag der Schwerpunkt seines Vortrages auf der Erl\u00e4uterung der Impfkampagne der Stadt. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zentrales Planungswerkzeug f\u00fcr ganz Bayern ist die Software BayIMCO. Dieses Programm errechnet aus den bei der <a href=\"https:\/\/impfzentren.bayern\/citizen\/\">Registrierung zur Impfung<\/a> eingegebenen pers\u00f6nlichen Daten (Alter, Vorerkrankungen etc.) eine individuelle Rangnummer. Diese Rangnummer bestimmt <strong>innerhalb<\/strong> der gerade zu impfenden Priorisierungsgruppe (gegenw\u00e4rtig immer noch Priogruppe 1), die genaue Impfreihenfolge. Anschaulich gesprochen wird damit sichergestellt, dass beispielsweise der 95-j\u00e4hrige Pflegefall vor der r\u00fcstigen 81-j\u00e4hrigen Rentnerin geimpft wird. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Allerdings ist der Algorithmus vollkommen intransparent, d.h. die Kriterien, nach denen die Impfreihenfolge innerhalb einer Priorisierungsgruppe festgelegt wird, sind nicht erkennbar, nicht einmal f\u00fcr die Mitarbeiter des M\u00fcnchner Impfzentrums oder des Gesundheitsreferats. Die Erfahrung mit dem System zeigt aber, so Herr Sch\u00e4uble, dass das Alter f\u00fcr den Algorithmus ein ganz ma\u00dfgeblicher Faktor ist. Nachdem die Pflegeheime im Wesentlichen durchgeimpft sind, ist die Impfung zwei Monate nach Beginn &#8211; sozusagen von oben &#8211; bei den 81-j\u00e4hrigen M\u00fcnchnerinnen und M\u00fcnchnern angekommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mir scheint, dass mit dieser Planungssoftware die extrem knappen Impfstoffe in den vergangenen zwei Monaten optimal verteilt worden sind. Denn so wie \u00fcber alle Altersgruppen hinweg, steigt auch innerhalb der Gruppe der \u00fcber 80-j\u00e4hrigen das Risiko eines schweren Verlaufs der Krankheit mit fortschreitendem Alter weiter stark an, vgl. dazu die von Prof. Drosten in seinem Podcast mehrfach zitierte <a href=\"https:\/\/www.medrxiv.org\/content\/10.1101\/2020.07.23.20160895v7\">\u00dcbersichtsstudie<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"642\" src=\"https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2021-03-04-7-1-1024x642.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1007\" srcset=\"https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2021-03-04-7-1-1024x642.png 1024w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2021-03-04-7-1-300x188.png 300w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2021-03-04-7-1-768x481.png 768w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2021-03-04-7-1.png 1262w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><figcaption><em>Zusammenhang zwischen Corona-Risiko und Alter. Die verschiedene Punkte sind die Ergebnisse von zahlreichen Einzelstudien, die rote Gerade zeigt das Gesamtergebnis. Man beachte, dass die Y-Achse mit dem Risiko logarithmisch skaliert ist<\/em> und somit das von 0,001 % (&lt; 10 Jahre) bis \u00fcber 50% (&gt;90 Jahre) <strong>exponentiell ansteigende Risiko<\/strong> zeigt. Quelle : <a href=\"https:\/\/www.medrxiv.org\/content\/10.1101\/2020.07.23.20160895v7\">Lewin et al.<\/a><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Verteilung des bislang sehr knappen Impfstoffs, die diese Risikoverteilung ber\u00fccksichtigt, rettet Leben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aufgrund von bundespolitischen Entscheidungen erfolgen jetzt Ver\u00e4nderungen der urspr\u00fcnglich <a href=\"https:\/\/www.rki.de\/DE\/Content\/Infekt\/EpidBull\/Archiv\/2021\/Ausgaben\/05_21.pdf?__blob=publicationFile\">von der st\u00e4ndigen Impfkommission (STIKO) vorgeschlagenen  Priorit\u00e4tsreihenfolge<\/a>. Damit sollen folgende Personen ab sofort geimpft werden:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"403\" src=\"https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2021-03-04-8-1024x403.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1008\" srcset=\"https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2021-03-04-8-1024x403.png 1024w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2021-03-04-8-300x118.png 300w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2021-03-04-8-768x302.png 768w, https:\/\/stadtratsberichte.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2021-03-04-8.png 1286w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><figcaption>Personenkreise, die ab sofort auch geimpft werden sollen. Quelle: Vortrag von Wolfgang Sch\u00e4uble<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In M\u00fcnchen sind das laut Aussage der Leiterin des Gesundheitsreferats, Beatrix Zurek,  immerhin <strong>\u00fcber 25.000 Personen<\/strong>. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ob diese altersunabh\u00e4ngige \u00c4nderung sinnvoll ist, erscheint mir sehr fraglich. Denn das von Corona ausgehende Risiko ist f\u00fcr eine 30-j\u00e4hrige Erzieherin in etwa <strong>um den Faktor 100<\/strong> (!) geringer als f\u00fcr eine 70-j\u00e4hrige Rentnerin, vgl. das obige Schaubild. Nat\u00fcrlich hat die Erzieherin bei wieder ge\u00f6ffneten Kitas deutlich mehr Kontakte als die Rentnerin, aber das kann diesen riesigen Unterschied wohl kaum ausgleichen. Und 25.000 Personen, die jetzt sofort geimpft werden, verz\u00f6gern eben f\u00fcr 25.000 \u00c4ltere eine z\u00fcgige Impfung. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Starten kann die Sonderimpfung f\u00fcr Erzieher und Lehrer, etc.  allerdings erst, wenn die oben erl\u00e4uterte Software vom Freistaat entsprechend angepasst worden ist. Bislang darf  n\u00e4mlich nur nach der darin festgelegten Reihenfolge geimpft werden. Wie lange die Anpassung dauern wird, war in der Vollversammlung am Mittwoch nicht zu erfahren. Eine weitere \u00c4nderung der Software wird erforderlich aufgrund der heute verk\u00fcndeten Empfehlung der STIKO, den Impfstoff von AstraZeneca auch f\u00fcr Personen \u00fcber 65 zu verwenden. Auch diese \u00c4nderung muss erst in der Software implementiert werden, bevor dieser Impfstoff entsprechend eingesetzt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum richtigen Hemmschuh k\u00f6nnte die Software werden, wenn die <strong>Impfung auch von Haus\u00e4rzten<\/strong> durchgef\u00fchrt werden soll, was bereits f\u00fcr Ende M\u00e4rz \/ Anfang April geplant ist. Denn auch hier ist bislang der Betrieb von BayIMCO Voraussetzung, was in jeder einzelnen Praxis umfangreichen Aufwand zur Anpassung und Installation der Software sowie zur Schulung der Mitarbeiter mit sich bringt. Um in M\u00fcnchen vorab erste Erfahrungen damit zu sammeln, wird das Gesundheitsreferat demn\u00e4chst einen Pilotversuch mit drei M\u00fcnchner Arztpraxen starten. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mir kommen erhebliche Zweifel, ob die zentralistische Steuerung der ganzen Impfkampagne in Bayern mit BayIMCO auf Dauer der richtige Ansatz ist, insbesondere wenn in den n\u00e4chsten Wochen immer mehr Impfstoff geliefert wird. M\u00f6glicherweise w\u00e4re es ab einem bestimmten Zeitpunkt besser, weil viel schneller, die Haus\u00e4rzte eigenverantwortlich handeln zu lassen und nur noch grobe Richtlinien (z.B. &#8222;<em>ab jetzt alle zwischen 60<\/em> und 70&#8243;) zentral vorzugeben. Zwar kann BayIMCO die exakte Einhaltung der vom Freistaat festgelegten Impfreihenfolge sicherstellen. Der Preis ist aber m\u00f6glicherweise eine wochenlange Verz\u00f6gerung beim Hochfahren der Impfungen. Und genau da liegt der entscheidende Unterschied zur Situation in den ersten zwei Monaten der Impfkampagne. W\u00e4hrend es bei den bislang sehr geringen Impfstoffmengen enorm wichtig war, zuerst die &#8222;Richtigen&#8220; zu impfen, sinkt die Bedeutung dieses Aspekts, wenn fortlaufend immer mehr Impfstoff zur Verf\u00fcgung steht. Die exakte Einhaltung einer richtigen Reihenfolge wird dann zweitrangig. Daf\u00fcr steigt der b\u00fcrokratische Aufwand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bilder wie in Israel, wo es die Impfung in einer Bar zusammen mit einem Freibier gab, wird man in Bayern jedenfalls so schnell nicht sehen, vielleicht auch dann noch nicht, wenn beides, Impfstoff und Bier hinreichend verf\u00fcgbar ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Weg aus der Pandemie f\u00fchrt weder nach China noch nach Neuseeland oder Australien, wie manche meinen, sondern nach Israel. Nur schnelles Impfen bietet eine verl\u00e4ssliche Perspektive, das &#8222;neue Normal&#8220; endlich hinter uns zu lassen. Die Vollversammlung am vergangenen Mittwoch bot die Gelegenheit zu erfahren, wie die Impfkampagne in M\u00fcnchen vorankommt. 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